Gesundheitspolitik Kommentar

Zur bun­des­wei­ten gesetz­li­chen Per­so­nal­be­mes­sung für alle Beschäf­tig­ten in Krankenhäusern

Ver.di hat mich, Niels-Arne Münch, um eine Stel­lung­nah­me zu ihrer Kam­pa­gne für eine gesetz­li­che Rege­lung der Per­so­nal­be­mes­sung in Kran­ken­häu­sern gebe­ten. Hier mei­ne Antwort:

Stel­lung­nah­me zur For­de­rung nach einer bun­des­wei­ten gesetz­li­chen Per­so­nal­be­mes­sung für alle Beschäf­tig­ten in Krankenhäusern

Niels-Arne Münch
Niels-Arne Münch
CC-BY Tobi­as M. Eckrich

Als Bun­des­tags­kan­di­dat der Pira­ten­par­tei im Wahl­kreis 53 (Göt­tin­gen) und Listen­kan­di­dat in Nie­der­sa­chen unter­stüt­ze ich die For­de­rung nach einer bun­des­wei­ten gesetz­li­chen Per­so­nal­be­mes­sung in Kran­ken­häu­sern. Ange­sichts der immer uner­träg­li­cher wer­den­den Situa­ti­on für das Per­so­nal wie auch die Pati­en­ten in deut­schen Kran­ken­häu­sern, ist dies ein not­wen­di­ger Schritt. Ich wer­de die ein­zel­nen Argu­men­te hier nicht wie­der­ho­len und nen­ne als Stich­wor­te nur die dra­ma­tisch stei­gen­de Zahl der Gefähr­dungs­an­zei­gen durch Mitarbeiter/innen, die hohe Bur­nout-Rate und die Pro­ble­me vie­ler Kran­ken­häu­ser bei der Suche nach Per­so­nal. – Übri­gens ist die Situa­ti­on im Alten­pfle­ge­be­reich ähn­lich, daher wäre es sinn­voll, zu prü­fen, ob und inwie­weit sich die­ser Bereich in ein sol­ches Gesetz ein­be­zie­hen lässt. Bei uns in Göt­tin­gen zei­gen die Vor­gän­ge um den Ver­kauf des ehe­ma­li­gen Lan­des­kran­ken­hau­ses an Askle­pi­os und die Zustän­de dort heu­te, wohin die immer wei­ter­ge­hen­de Aus­rich­tung der medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung an den Gewinn­in­ter­es­sen pri­va­ter Unter­neh­men führt: Der per­ma­nen­te Kosten­sen­kungs­druck führt an immer mehr Stand­or­ten zu Ver­hält­nis­sen, in denen der „Normal“-zustand längst der eigent­li­che Skan­dal ist. (Eini­ge belie­big her­aus­ge­grif­fe­nen Quel­len zu Askle­pi­os in Göt­tin­gen: 1,2,3,4)

 

Des­halb reicht ein Gesetz zur Per­so­nal­be­mes­sung allein auch nicht aus: Not­wen­dig ist die Abkehr von der völ­lig kopf­lo­sen Pri­va­ti­sie­rungs­po­li­tik. Ziel muss sein, die Bezie­hung zwi­schen Per­so­nal und Pati­ent von jeg­li­chen öko­no­mi­schen Inter­es­sen frei­zu­stel­len. Die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung ist Teil der Grund­ver­sor­gung. Kran­ken­häu­ser neh­men eine öffent­li­che Auf­ga­be war und gehö­ren im Kern in öffent­li­che Hand – als pri­va­te Akteu­re sind Stif­tun­gen und Genos­sen­schaf­ten sinn­vol­le Ergän­zun­gen, doch Kapi­tal­ge­sell­schaf­ten haben im Bereich der Grund­ver­sor­gung grund­sätz­lich nichts ver­lo­ren, sie ent­zie­hen dem Gesund­heits­sy­stem Geld zugun­sten ihrer Aktio­nä­re. Not­wen­dig ist auch eine ver­bes­ser­te Finan­zie­rung des Gesund­heits­sy­stems ins­ge­samt, unter ande­rem über eine all­ge­mei­ne Bür­ger­ver­si­che­rung zu der alle Ein­kom­mens­ar­ten her­an­ge­zo­gen wer­den. Das Kaputt­spa­ren des Gesund­heits­we­sens geht nicht nur auf Kosten der Pati­en­ten und des Per­so­nals, es ist auch arbeits­markt­po­li­tisch absurd. Auf 162.000 Arbeits­plät­ze bezif­fert ver.di den aktu­el­len Fehl­be­stand in den Kran­ken­häu­sern, lang­fri­stig und im gesam­ten Gesund­heits­we­sen dürf­te die Zahl der Arbeits­plät­ze, die bei ent­spre­chen­der Finan­zie­rung ent­ste­hen könn­ten, in die Mil­lio­nen gehen.

 

Ange­sichts der viel­fäl­ti­gen in einem Kran­ken­haus täti­gen Berufs­grup­pen wird ein Bun­des­ge­setz zur Per­so­nal­be­mes­sung lei­der zwei­fel­los zu erheb­li­chen büro­kra­ti­schen Mehr­auf­wand füh­ren – Geld, das man bes­ser für Per­so­nal und Pati­en­ten aus­ge­ben könn­te. Kurz­fri­stig gibt es zu einem sol­chen Gesetz aber kei­ne sinn­vol­le Alter­na­ti­ve. Lang­fri­stig wäre es aber falsch, erst wie wild zu pri­va­ti­sie­ren, und anschlie­ßend ange­sichts der abseh­ba­ren Fol­gen mit immer neu­en Geset­zen einen „aus dem Ruder gelau­fe­nen Wett­be­werb“ (ver.di) bän­di­gen zu wol­len. Die­sen Wett­be­werb hät­te es im Gesund­heits­we­sen von Anfang an gar nicht geben dürfen.

Zuerst ver­öf­fent­licht unter: http://pirat.ly/c71u8